Leseprobe “Sommernachtsblues – Snapshot I”

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LESEPROBE

“Sommernachtsblues – Snapshot I”

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1. KAPITEL

Eden

 

Die Aktentasche unter den Arm geklemmt und einen Becherhalter mit zwei Kaffeebechern in der anderen Hand, betrat ich kurz nach acht die Immobilienfirma meines Freundes.

»Guten Morgen«, begrüßte ich gut gelaunt Mrs. Fowler, unsere Empfangsdame im Vorzimmer, die den Kopf hob und mich misstrauisch musterte. Es grenzte offenbar an ein Wunder, dass ich, als der geborene Morgenmuffel, mit diesem Elan zur Arbeit kam. Doch heute hatte mir nicht einmal der träge Stadtverkehr die Laune verdorben.

Mit dem Ellbogen schloss ich die Eingangstür und machte mich auf den Weg in mein Büro.

»Miss Butler?«, ließ mich die Stimme der Sekretärin innehalten und ich wandte mich zu ihr um. »Mr.

»Oh!« Mit hochgezogenen Brauen starrte ich die ältere Frau an, bis sie mir zunickte und sich wieder an ihren Platz setzte.

Wann hatte Jordan ein Meeting angesetzt und warum wusste ich davon nichts?

Ich machte auf dem Absatz kehrt und wandte mich der Doppeltür zu, die in den Konferenzraum führte. Leise vor mich hin fluchend lehnte ich mich mit der Schulter gegen die Tür und versuchte, die Klinke nach unten zu drücken, ohne dabei meine Tasche und den Kaffee fallen zu lassen. Meine Finger berührten das kühle Metall, als in der nächsten Sekunde die Tür von der anderen Seite aufgerissen wurde. Die Aktentasche rutschte mir aus den Fingern, als ich das Gleichgewicht verlor und in den Raum stürzte. Schwungvoll prallte ich gegen meinen Chef, mit dem ich mir seit einigen Jahren auch ein Bett teilte. Geistesgegenwärtig packte er mich gerade noch rechtzeitig an den Oberarmen, um mich aufzufangen.

Die Kaffeebecher schwankten, kippten aus dem Halter und prallten gegen seinen Oberkörper. Kaffeeflecken breiteten sich auf seinem weißen Hemd aus. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich ihn an, als er aufstöhnte und wir zusammen zu Boden gingen.

Schmerzhaft sog ich die Luft in als ich gegen Jordans Brust gedrückt wurde. Für einen kurzen Moment schloss ich die Lider und wünschte mir ein Loch herbei, um mich darin zu verstecken. Dann betrachtete ich sein Gesicht, in der Hoffnung etwas darin zu lesen. Die Lippen zu einer dünnen Linie zusammengekniffen, funkelte er mich wütend an.

»Es tut mir so leid, Jordan. Ich … wollte dich eigentlich … überraschen«, stotterte ich peinlich berührt. Ich stützte mich mit einer Hand auf seinem Oberkörper ab und rutschte von ihm herunter, bis ich auf den Knien landete.

»Die Überraschung ist dir gelungen«, grummelte er und setzte sich auf. Sein Blick wanderte zu meinem schwarzen Rock und blieb daran hängen, während ich versuchte aufzustehen.

Warum musste ich auch ausgerechnet heute dieses kurze Teil anziehen? Es war unmöglich, mich damit auf elegante Art und Weise zu erheben.

Mit einem Schmunzeln betrachtete er mich amüsiert. »Du siehst süß aus, wenn du dich so abmühst. Soll ich dir helfen?« Jordan hatte seine Unterarme auf den angewinkelten Knien abgestützt und musterte meine nackten Beine.

»Ich finde daran überhaupt nichts lustig und ich bin alles andere als süß«, widersprach ich und streckte die Hand nach der Tischkante aus, um mich daran hochzuziehen. Wackelig stand ich auf den hohen Absätzen und atmete erleichtert auf, als ich mein Gleichgewicht wieder gefunden hatte. Nur um im nächsten Moment zu erstarren, als ich am Tischende eine mir nicht unbekannte Person ausmachte. Bitte nicht! Dieser Tag konnte nicht mehr schlimmer werden.

»Was machst du denn hier?«, schnaubte ich aufgebracht und starrte ihn unverhohlen an. Ich konnte nicht glauben, dass William hier war. All die Jahre hatte ich nichts von ihm gehört und nun saß er hier und musterte mich schweigend. Ich schloss die Augen und versuchte mich zu beruhigen, meinen Atem zu kontrollieren, der nur stoßweise aus mir herauskam, als würde man mir die Luft zuschnüren. Das Blut rauschte durch meine Adern und pulsierte in meinen Ohren.

Mein schlimmster Albtraum war wahr geworden. Ich wollte fliehen, an einen weit entfernten Ort und doch bewegte ich mich keinen Zentimeter. Wie festgewachsen stand ich da.

»Ihr kennt euch?«, fragte Jordan und erhob sich vom Boden.

»Flüchtig«, murmelte ich und senkte den Blick, als ich die Hitze in meine Wangen hochsteigen spürte. Eilig nahm ich den Platz an Jordans Seite ein und warf einen Blick in die Unterlagen, die bereitlagen.

»So kann man es auch nennen. Nicht wahr, Eden?«, entgegnete William spöttisch.

Ein leises Stöhnen entwich meinen Lippen. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich den fragenden Blick von Jordan.

»Möchtest du mir dazu etwas sagen?« Seine Stimme klang aufgebracht und rau.

Wie sollte ich ihm das erklären?

Eilig schüttelte ich den Kopf, bevor ich ihn ansah. Seine Augen stellten tausende unausgesprochene Fragen, doch sein Mund blieb geschlossen und wartete auf meine Antwort. »Das war lang, bevor wir uns kannten«, winkte ich ab und schenkte ihm zögernd ein Lächeln.

Jordan nickte und widmete sich wieder den Papieren auf dem Tisch. Geschäftig blätterte er von einer Seite zur nächsten, um den Anschein zu erwecken, er würde lesen. Doch ich kannte ihn besser. Es war schon immer seine Art, sich auf diese Weise zu beruhigen und Konflikten aus dem Weg zu gehen. Sein inneres Gleichgewicht finden, nannte er es. Für mich bedeutete das, die nächsten Stunden mit aus ihm herausbrechen würde.

Jordan hasste die Tatsache, dass es vor ihm auch andere Männer gegeben hatte und nichts brachte ihn mehr aus der Fassung, als einen meiner alten Verehrer zu treffen.

Seine Eifersucht kannte keine Grenzen und bisher endeten solche Situationen immer in Beschimpfungen und Wutausbrüchen, in denen er mir versicherte, dass es außer ihm keinen weiteren Mann in meinen Leben zu geben hatte. Gänsehaut überzog meinen Körper und ließ mich frösteln. Ich hasste diese Momente und vor allem mich selbst für meine Schwäche, nicht dagegen anzukämpfen. Nur stumm dazusitzen und mich nicht mit Worten zur Wehr zu setzen, als wäre ich ein kleines Kind, das nichts zu sagen hatte.

Er räusperte sich, ehe er aufblickte und seine Aufmerksamkeit dem Gast zuwandte. »Mr. Saunders, wo waren wir stehen geblieben?«, erkundigte er sich mit einem Tonfall, der ganz klar sein Missfallen ausdrückte

Mit einem süffisanten Lächeln blickte William in meine Richtung. »Wir sprachen über die Zusammenlegung unserer Firmensitze und die beiden lukrativen Aufträge, die Ihnen zugutekommen würden.«

Mit offenem Mund starrte ich William an. Wie konnte er mir das antun? Nach all den Jahren, in denen ich mich von unserer Beziehung erholt hatte, tauchte er nun einfach so in meinem Leben auf und genoss mein sichtliches Unbehagen. Das durfte nicht wahr sein. Ich musste diese Fusion verhindern, wenn ich ihn nicht zukünftig bei Meetings oder anderen wichtigen Gesprächen in meiner Nähe wissen wollte. Das konnte niemals gut für mich enden. Sollte diese Zusammenlegung tatsächlich vonstattengehen, unterstand ich von nun an beiden.

»Welche Angebote wären das?«, erkundigte ich mich ohne auf Williams Teilhaberschaft einzugehen.

Für einen kurzen Moment wirkte er enttäuscht über meine Reaktion, dann hatte er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. So leicht würde ich ihm das Spiel nicht machen.

»Es handelt sich um zwei Immobilien aus dem achtzehnten Jahrhundert, die inzwischen Millionen wert sind und deren Verkauf es abzuwickeln gilt«, berichtete mir Jordan von den bisherigen Verhandlungen, bei denen er mich außen vor gelassen hatte. Bis zum heutigen Tag hatte ich nichts von einem neuen Teilhaber geahnt.

Ich konnte es noch immer nicht fassen, dass er mir all das verschwiegen hatte.

»Eine der Immobilien, den Auftrag in Manhattan, werde ich selbstverständlich selbst übernehmen«, fügte Jordan hinzu und musterte mich abwartend, ob ich auf den Zug aufspringen würde.

Wie immer nahm er das Geschäft, das am einfachsten abzuwickeln war und ihm die wenigste Arbeit bescherte. »Und das zweite Gebäude?«, hakte ich nach, in der Hoffnung, dass nicht bereits einer meiner Kollegen nach dem Auftrag gierte. Viel zu oft hatte ich nach einer Chance gegriffen und musste zusehen, wie sie mir vor der Nase weggeschnappt wurde.

»Das lege ich ganz in deine Hände. Was sagst du dazu?« Er schenkte mir sein zauberhaftes Lächeln, als wäre er direkt einem Werbespot entsprungen.

Verwirrt hielt ich inne und starrte ihn an. Er machte gewiss nur Scherze. Bisher hatte er es mir nie ermöglicht, die Bilder für die lukrativen Häuser abzulichten. Etwas, auf das ich seit Jahren hinarbeitete, obwohl ich eigentlich Landschaftsfotografin war und der Job in Jordans Unternehmen nur eine Übergangslösung sein sollte. Inzwischen waren aus den Monaten Jahre geworden und ich hatte aufgehört mich nach neuen Möglichkeiten umzusehen.

»Wo ist der Haken?«, erkundigte ich mich misstrauisch, denn geheuer war mir sein plötzlicher Sinneswandel nicht. Bisher hatte ich nur die Appartements in New York fotografiert und für den Verkauf vorbereitet. Eine billige Wohnung nach der anderen, denn mehr hatte mir Jordan nie zugetraut. Laut ihm verstand ich nichts von Immobilien, dem Marktwert oder den reichen Kunden, die begierig auf die Objekte waren.

Und somit hatte ich mir angewöhnt, jeden Strohhalm zu ergreifen, den er mir anbot. Schließlich wollte ich mein Können unter Beweis stellen.

»Es gibt keinen, Liebling. Ich gebe dir diese Chance, damit du dich in der Firma beweisen kannst«, er lehnte sich in meine Richtung und fasste nach meiner Hand.

Irritiert über den Kosenamen in einer geschäftlichen Verhandlung, war ich kurz versucht, sie wegzuziehen, besann mich dann aber eines Besseren. Ich wollte auf keinen Fall seine Wut weiter schüren. Markierte er etwa sein Revier, indem er aufzeigte, zu wem ich gehörte? Mir behagte die Situation überhaupt nicht. Ich stand zwischen den Fronten. Einerseits war da mein Ex, von dem ich gehofft hatte, ihn nie wieder anzutreffen und auf der anderen Seite mein Freund, dem ich klarmachen wollte, dass meine Vergangenheit nichts an meiner Beziehung zu ihm ändern würde.

In meinem Kopf drehte sich alles. Hatte ich überhaupt eine Wahl? Ich atmete tief durch, ehe ich ihm in die Augen blickte. »Worin besteht meine Aufgabe?«

»Nur eine Fahrt nach Vermont, wo du das Haus einer älteren Dame fotografieren wirst«, informierte er mich über die wichtigsten Details.

»Was?« Entsetzt öffnete ich den Mund, schloss ihn aber gleich wieder. Ich und Vermont. Das war so absurd, als würde man einen Elch im Central Park platzieren. Ich war zwar auf dem Land aufgewachsen, doch hatte ich mich mein Leben lang nie wohl gefühlt dort. Es war alles zu grün, zu leise und vor allem zu abgelegen. Ich hatte die erste Gelegenheit wahrgenommen und war mit William nach New York verschwunden. Sehr zum Leidwesen meines Vaters.

Mein Leben spielte sich in New York ab, eine pulsierende Metropole, in der man alles haben und erreichen konnte. Ich konnte ein Penthouse mitten in Manhattan verkaufen, wusste, wie begehrt die Studentenwohnungen nahe dem Univiertel waren. Aber ein Haus auf dem Land? Ich hatte keine Ahnung, warum man weit abseits jeglicher Zivilisation leben wollte. Und nun sollte ich mich diesem Projekt annehmen? Wollte mich Jordan testen?

Vom Ende des Raumes drang ein quietschendes Geräusch an mein Ohr. William war von seinem Stuhl aufgestanden und kam auf uns zu. Er war noch immer anwesend. Ich hatte ihn komplett vergessen. Leise stöhnte ich auf.

»Mr. Saunders, Sie wollen uns schon verlassen?« Jordan erhob sich ebenfalls von seinem Stuhl.

»Ich bin mir sicher, dass Sie eine Lösung finden werden, die Differenzen zu beseitigen.« Dass William dabei seine Hand ganz zufällig auf meine Schulter legte, war Jordan nicht entgangen. Eilig reichte er ihm seine, um sich zu verabschieden.

»Natürlich. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten. Die Verträge erhalten Sie von meiner Sekretärin.« Mein Freund hielt ihm die Tür auf und schloss sie hinter ihm.

Erleichtert atmete ich auf, als William aus der Tür verschwand und nur noch seine Schritte im Vorzimmer nachhallten.

»Du hast doch nicht ernsthaft diese Dokumente schon unterschrieben?«, fragte ich und erhob mich, um ihm gegenüberzustehen. Das Donnerwetter war mir sowieso gewiss, da konnte ich es genauso gut sofort heraufbeschwören. Auf keinen Fall wollte ich auch nur in der Nähe von William sein, zu schwer lastete die Vergangenheit auf meiner Brust.

Mit verschränkten Armen starrte ich ihn abwartend an. Seinem verdutzten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte ich ihn überrumpelt. Doch der Vorteil würde nicht sehr lange auf meiner Seite liegen.

»Dir scheint wohl nicht entgangen zu sein, dass das meine Immobilienfirma ist und somit entscheide ich, mit wem ich eine Fusion eingehen möchte. Und wenn du es genau wissen möchtest. Ja, ich habe die Papiere unterschrieben und du wirst diesen Auftrag ausführen.« In seinen Worten schwang ein zorniger Unterton mit, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Instinktiv wich ich einen Schritt zurück und versuchte mich zu fassen. »Dass wir seit Jahren ein Paar sind, scheint dir entgangen zu sein.« Meine Stimme war nur ein Flüstern.

»Ich habe wohl einige andere Dinge nicht mitbekommen«, knurrte er mich an.

Unwillkürlich zuckte ich zusammen und senkte den Blick. »Das war lange vor dir und hat nichts mit diesem Geschäftsabschluss zu tun.«

»Für mich schon. Wie kann ich mit dem Mann zusammenarbeiten, wenn ich genau weiß, dass er meine Freundin gevögelt hat?« Sein Mund war nur noch eine schmale Linie, so fest presste er die Lippen aufeinander, während er bedrohlich näherkam.

Verunsichert trat ich einige Schritte zurück, um den Abstand zwischen uns zu vergrößern, als ich mit dem Rücken gegen die Wand stieß. Jetzt gab es nur noch einen Weg und der führte an Jordan vorbei.

»Normalerweise bespricht man solche Dinge auch in einer Beziehung, bevor man wahllos eine Fusion eingeht und die Verträge unterschreibt.« In die Ecke gedrängt, widerstand ich dem Drang mich zu verkriechen und ging stattdessen auf Konfrontation. Doch er ließ sich nicht davon abschrecken und überbrückte den letzten Meter zwischen uns.

Mit festem Griff packte er meine Schultern und drückte mich gegen die Wand. Sein Gesicht kam bedrohlich näher. »Ich will wissen, ob ihr etwas miteinander hattet?«

»Was geht dich das an?«, erwiderte ich und wehrte mich gegen seine Hände.

»Ich will eine Antwort.« Jordan verstärkte den Druck und Schmerz durchzuckte meine Muskeln.

»Verdammt. Ja, hatten

»Alles«, wimmerte ich mit weit aufgerissenen Augen. »Er hatte alles und noch viel mehr.« Wenn er meinte mich zu verletzen, dann konnte ich das ebenso.

»Wie kannst du es wagen?«, brüllte er mich an und stieß mich von sich fort. Die Wucht war so heftig, dass ich ins Taumeln geriet und zu spät meine Hände ausstreckte, um mich aufzufangen. Hart schlug ich mit dem Wangenknochen auf.

Ein Stöhnen entwich mir, während ich mit den Fingern meine Wangen befühlte. Es war schon eine Ewigkeit her, dass Jordan derart die Kontrolle verloren hatte.

»Du fährst noch heute nach Vermont und erledigst deinen Auftrag. Wage es nicht, ohne ordentliche Fotos zurückzukommen.«

Stumm liefen Tränen über mein Gesicht und tropften auf das Parkett. Ich hörte, wie sich seine Schritte entfernten und die Tür einrastete.

Es war vorbei. Ich war alleine.

 

 

2. KAPITEL

Noe

 

Konzentriert verglich ich meine Notizzettel mit der angefertigten Skizze und fügte die Zimmeraufteilung in den Plan ein. Ein kurzes Klopfen an der Tür ließ mich jedoch zusammenzucken und ich rutschte mit dem Bleistift ab. Genervt stöhnte ich auf und suchte nach dem Radiergummi. Wo war er nur? Immer diese Sucherei.

»Herein«, murmelte ich, als mir das Geräusch von eben in den Sinn kam.

Ich kroch unter den Skizzentisch und durchwühlte die Vorzeichnungen, die ich angefertigt und vom Tisch gefegt hatte, als es an die eigentliche Arbeit, den Grundriss einer Shopping Mall ging. Ich schob die Blätter beiseite und entdeckte den Übeltäter.

»Mr. Bates?«, erklang die Stimme meiner Assistentin.

»Was gibt es, Naomi?«, erkundigte ich mich, während ich den Radiergummi in meiner Faust einschloss und aufstand.

Mit einem lauten Knall schlug ich mit dem Kopf von unten gegen die Tischplatte. Fluchend kroch ich rückwärts hervor und hielt meine Hand auf die schmerzende Stelle. Verdammt tat das weh. Warum musste sie mich immer in solchen Momenten stören?

Ich we den Kopf in ihre Richtungund musterte ihren heutigen Aufzug. Ihre blonden Haare reichten über ihre Schultern und verdeckten den oberen Teil ihrer altertümlichen weiße Bluse, die mit einer Menge Rüschen verziert war. Eindeutig zu viele für meinen Geschmack. All das ließ sie noch pummeliger erscheinen. Ihr hellbrauner Blumenrock sah aus, als hätte sie sich einen Vorhang aus den sechziger Jahren umgewickelt. Sogar meine Großmutter hatte einen edleren Geschmack.

»Was ist so wichtig, dass sie während meiner kreativen Stunden hereinplatzen?«, maulte ich sie an und hob den Bleistift auf, der durch den Aufprall auf den Boden gefallen war.

»Es tut mir leid. Ich kam erst herein, als sie es mir angeboten hatten«, murmelte sie und senkte den Blick.

Für einen kurzen Moment schloss ich die Augen und atmete tief durch. »Worum geht es?«, fragte ich erneut und hoffte auf eine baldige Antwort, um mit meiner Arbeit fortfahren zu können.

»Ihre Schwester ist am Telefon.« Ihre Stimme klang zögernd, als hätte sie Angst, mit mir zu sprechen. Was für ein lächerliches Verhalten für eine Assistentin. Sie hatte wahrlich ihre Berufung verfehlt. Kopfschüttelnd betrachtete ich Naomi und entdeckte das Telefon, das sie an ihre Brust presste und mit der Hand verdeckte, um unser Gespräch zu dämpfen. Von der Warteschleifenfunktion schien sie scheinbar nichts zu halten.

»Welche?«, hakte ich nach und kratzte mich am Nacken. Langsam war ich diese Diskussionen leid. Ich würde ihr eine Liste mit all den Namen meiner Geschwister anfertigen. Es waren eindeutig zu viele für ihr Gedächtnis.

»Ich … ich weiß es nicht«, stotterte sie verlegen und errötete.

»Geben Sie schon her«, knurrte ich und umrundete den Tisch.

Die Hand nach dem Telefon ausgestreckt, wartete ich, bis Naomi es mir reichte. Nachdenklich beobachtete ich, wie sie es in meine Handfläche legte und versuchte, meine Haut nicht zu berühren. Als hätte ich die Pest. Warum hatte ich sie noch mal eingestellt? Hätte der Bürokram nicht so viel meiner Arbeitszeit verschlungen, würde ich mein Architekturbüro noch immer alleine leiten. Ich bevorzugte meine ruhigen Stunden, in denen ich mich ganz den Aufträgen widmen konnte und ungestört die Gebäude auf Papier brachte, die in meinem Kopf längst Formen angenommen hatten.

Mit einem Kopfnicken bedeutete ich ihr den Raum zu verlassen. Noch bevor ich den Hörer an mein Ohr hielt, war sie verschwunden und zog die Tür hinter sich zu.

Ich trat an das Panoramafenster und ließ den Blick über Montpelier schweifen. Von den Hochhäusern der Hauptstadt hatte man eine traumhafte Aussicht. Das Vermont State House nahm den größten Platz meiner Sicht ein und erstreckte sich mit einer Parkanlage vor meinen Augen. Die goldene Kuppel glänzte im Licht der Nachmittagssonne. Vor drei Jahren hatte ich Hals über Kopf mein Heimatdorf und war in die Stadt gezogen, um mein Leben als Architekt zu meistern. Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten eines kompletten Neustarts war mein Unternehmen auf Erfolgskurs und inzwischen konnte ich es mir sogar erlauben Aufträge abzulehnen. Ich musste zugeben, dass ich mit meinen einunddreißig Jahren schon einiges erreicht hatte, worauf ich stolz sein konnte.

»Hallo, Schwesterherz. Was gibt es?«

Ein Lachen am anderen Ende der Leitung war zu hören. »Du weißt doch überhaupt nicht, wer dran ist«, neckte Avah mich.

»Das macht nichts. Ich liebe euch alle vier.« War ich wirklich so leicht zu durchschauen? Mein Kopf brummte noch immer von dem Zusammenstoß mit der Tischplatte.

»Du bist echt ein Spinner«, konterte sie.

Ich konnte heraushören, wie sich ihre Stimmlage veränderte. Die Fröhlichkeit von vorhin schien verflogen zu sein. »Ist etwas passiert?«, hakte ich nach und malte mir die schlimmsten Szenarien in Gedanken aus.

»Nichts, was wir nicht erwartet hätten. Aber ja …«, ich hörte ein leises Schluchzen und zuckte unmerklich zusammen.

»Verdammt, Avah. Sag mir, was los ist.« Rastlos schritt ich in meinem Büro auf und ab und wartete auf ihre Antwort.

»Woher weißt du, dass ich es bin?«, erkundigte sie sich erstaunt.

»Glaubst du wirklich, dass ich eure Stimmen nicht unterscheiden könnte? Nach all den Jahren. Ich dachte du kennst mich besser«, sagte ich und fühlte mich gekränkt. Das war ein persönlicher Angriff gegen meine Ehre. Familie stand für mich immer an erster Stelle. Auch wenn es in meiner einige Personen mehr gab, als es heutzutage üblich war.

»Tut mir leid. Es ist nur … Großmutter ist letzte Nacht gestorben.« Ihre Stimme brach erstickt ab.

Meine Gedanken standen still. Wie konnte das möglich sein? Es war, als wäre ich erst gestern bei ihr gewesen und doch war mir bewusst, dass es schon Jahre zurücklag. Ich warf einen Blick auf die Uhr an der Wand gegenüber. Sie zeigte kurz nach zwei Uhr am Nachmittag an. Warum hatte man mich so spät informiert?

Noch immer war das leise Wimmern meiner Schwester zu hören. Ich schluckte den Kloß in meinem Hals hinunter und raufte mir die Haare. Ein gequälter Laut entrang sich meiner Kehle. »Ich bin in wenigen Stunden bei euch in Grafton«, murmelte ich ins Telefon.

»Du hast doch bestimmt zu arbeiten. Mum sagt, die Beerdigung ist erst für nächste Woche angesetzt«, antwortete Avah und schnäuzte sich.

Ich hielt das Telefon von meinem Ohr weg, um nicht taub zu werden. Wie es schien, war ich tatsächlich der Letzte, der informiert wurde. Ich fühlte mich verraten, spürte, wie alte Wunden erneut aufrissen.

»Ich liebe euch. Kapiert das endlich. Und ich werde für euch da sein. Punkt. Aus. Ende«, bekräftigte ich meinen Entschluss. Ich würde nicht untätig hier herumsitzen und darauf hoffen, über wichtige Dinge Bescheid zu kriegen.

»Danke«, flüsterte sie und legte auf.

Langsam ließ ich den Hörer sinken und lehnte die Stirn an das kühle Glas. Der Anruf hatte mich kalt erwischt. Ich hatte mit so vielem gerechnet, doch nicht damit. Ich hasste es mit dem Tod konfrontiert zu werden. Zu viele Menschen hatte ich in den letzten Jahren auf diese Weise verloren. Jeder einzelne davon war zu viel, dessen, was ich verkraften konnte. Stumm liefen Tränen mein Gesicht entlang, während ich versuchte sie fortzublinzeln und meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.

 

Wut stieg in mir hoch. Ich konnte sie spüren, wie sie langsam durch meinen Körper kroch, sich unaufhaltsam durch meine Adern schlängelte, bis sie mich komplett ausfüllte. Die Hände geballt zu Fäusten schlug ich auf den Skizzentisch und fegte die Zeichnungen zu Boden.

Wie konnte ich nur zulassen, dass sie in den letzten Jahren allein war? Ich hasste mich für meine egoistische Art, in der ich mich wie ein Feigling aus dem Leben aller verabschiedet und in der Großstadt verkrochen hatte.

Als ich die Bürotür öffnete, erklang ein Mr. Bates, Naomi verstummte jedoch sofort wieder, als sie meinen starren Gesichtsausdruck bemerkte.

»Leiten Sie alle Anrufe auf mein Privattelefon um und nehmen Sie sich zwei Wochen Urlaub«, wies ich Naomi an, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

»Sie feuern mich?«, wisperte sie.

»Wenn ich Sie feuern würde, hätte ich das auch gesagt. Es gibt keinen Grund andere unnötig in Sicherheit zu wiegen«, fauchte ich und riss meinen schwarze Lederjacke vom Kleiderständer, der durch den Schwung bedrohlich ins Wanken geriet.

Ich trat hinaus auf den langen Flur, auf dem ich mir die Büroräume mit vielen anderen Unternehmen teilte und hämmerte auf den unteren Liftknopf, bis er aufleuchtete. Mit dem Rücken an die gegenüberliegende Wand gelehnt, wartete ich, bis der Aufzug im obersten Stockwerk ankam, ehe ich einstieg und sich die Türen hinter mir schlossen.

In jedem Stockwerk blieb der Lift stehen und Menschen stiegen ein oder aus. Mit geschlossenen Augen versuchte ich mich an die Atemübungen zu erinnern, die ich von meinem Psychiater gelernt hatte. Auch das schien nichts zu bewirken, hätte ich doch die letzten Monate meine Termine nicht sausen gelassen. Doch die Welt hatte sich weitergedreht und mit der Zeit fand ich es unnötig meine Zeit auf der Couch eines Arztes zu vergeuden, anstatt sie sinnvoller mit meiner Arbeit zu nützen.

Wenn ich in diesem engen Raum die Kontrolle verlor, würde das für keinen der Anwesenden gut enden und ich könnte meine vorzüglich laufende Karriere als Architekt an den Nagel hängen.

Unruhig fuhr ich mit beiden Händen durch meine gegelten Haare und stöhnte leise auf. Schmerz, Wehmut, all die aufgestauten Dinge in mir suchten sich einen Weg in mein Bewusstsein zurück. Ich krallte meine Nägel in die Kopfhaut, um nicht abzudriften und mich in mir selbst zu verlieren. Der Schmerz belebte meine vernebelten Sinne, hielt mich in der Wirklichkeit fest.

Leseprobe “Lost in Texas – Auf der Suche nach Dir”

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