Leseprobe “Mitternachtsklänge – Snapshot II”

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LESEPROBE

“Mitternachtsklänge – Snapshot II”

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PROLOG

Janus

 

Ich war nicht mehr der gutgläubige Sohn, der ihm blind folgte und ehrfürchtig zu ihm aufsah. Es war an der Zeit, all das zu ändern. Mich zu ändern und mich von ihm zu befreien.

Mit geballten Fäusten wandte ich mich ab, ließ meinen Vater ohne ein weiteres Wort zurück und durchquerte den Salon. Auf dem Weg zur Tür stellten sich mir zwei seiner Männer in den Weg und versperrten den Ausgang.

»Lasst ihn gehen«, forderte Vater sie mit knappen Worten auf. Seine Stimme war gereizt und zitterte, während er die folgenden Worte hervorpresste. »Er wird wieder zurückkommen, denn hier ist sein Platz.«

Er irrte sich. Mal wieder. Genauso, wie damals, als Lennart starb und Vater meinte, dass alles wieder gut werden würde. Nichts wurde, wie es war. Sondern viel schlimmer.

Ohne mich umzudrehen, schritt ich aus dem Raum, ließ dieses Leben zurück, das mir so viel Schmerz und Kummer bereitet hatte. Ein Leben, das wohl nicht für mich bestimmt war, in dem ich keinen Platz finden konnte.

Ich atmete die warme Sommerluft ein, sog sie in meine Lunge, um mich mit neuen Lebensgeistern zu erfüllen. Doch die erwartete Freude und Genugtuung blieben aus, stattdessen verspürte ich nur den Riss in mir, der sich mit jeder Sekunde vertiefte und versuchte, mich entzwei zu reißen. Ich fühlte mich gebrochen, zerstört und näher am Aufgeben, als je zuvor.

Die Erkenntnis traf mich wie ein Stein in die Magengrube. Ich war nicht frei, würde es nie sein. Auch, wenn seine Worte mich hatten gehen lassen, so war ich doch an sein Blut gebunden. Er würde mich finden und zurückholen.

Doch dieses Mal würde ich kämpfen, mich zur Wehr setzen und ihm klar machen, dass ich nicht der schwächliche Sohn war, der sich fügen würde.

Und nicht zum ersten Mal würde er sich wünschen, dass ich anstelle von Lennart beerdigt worden wäre.

 

 

 

KAPITEL 1

Avah

 

Die Hände zu Fäusten geballt und seitlich gegen meinen Körper gepresst, stürmte ich den dunklen Flur entlang. Meine Finger schmerzten unter dem Druck und die Knöchel traten weiß hervor. Mit zusammengebissenen Zähnen riss ich die Haustür auf, blinzelte gegen das grelle Sonnenlicht an, ehe ich nach draußen trat. Ohne mich umzuwenden, warf ich die Tür hinter mir ins Schloss. Die Glasscheiben, die in die mit Fugen verzierte Haustür eingelassen waren, erzitterten unter der Wucht des Aufpralls. Insgeheim wünschte ich mir, dass sie zu Bruch gingen und scheppernd auf dem Boden aufschlugen. Immerhin etwas, das mir Genugtuung bereiten würde.

Stille legte sich über das Anwesen, versuchte Ruhe und Gelassenheit über mir auszubreiten. Jede Faser in mir sträubte sich dagegen, zehrte an der Wut in meinem Bauch und nährte sich an meiner Unzufriedenheit, die mit jedem Tag weiter anwuchs.

Entspannte Sommerferien mit meiner Familie hatte ich mir gewünscht, weitab von dem Trubel der Großstadt, Montpelier. Ich liebte die Natur, das Land und ganz besonders die Wälder, die mich Zuhause umgaben. Doch seit meiner Ankunft vor knapp einer Woche fand ich kaum Zeit, die Landschaft zu genießen und meine Leere in mir mit Kunst aufzufüllen.

Das Universitätsleben hatte mich ausgelaugt, mir die Luft zum Atmen genommen. Reserve auffüllen war angesagt. Leider gestaltete sich das zunehmend schwieriger, denn mein Vater Sam sah meine Anwesenheit weniger als Urlaub an. Für ihn war ich in diesem Augenblick, als ich zur Tür hereintrat, die verlorene Tochter, die endlich zurückkehrt und ihre Arbeit aufnimmt.

Ein Leben lang in einem Ahornsirup-Unternehmen zu verbringen, war einfach nichts für mich. Ich erhoffte mir mehr vom Leben, von all den Möglichkeiten, die es noch zu bieten hatte. Mir stand die ganze Welt offen, die mir die Kunst offenbarte.

Mein Vater hingegen sah das in einem völlig anderen Licht. Für ihn war mein Studium nur eine Last, die er nicht mehr bereit war zu tragen. Noch immer konnte ich seine Worte hören, wie abfällig er über meine Liebe zur Kunst gesprochen hatte. Gekritzel nannte er es. Nichts als Geschmiere.

Eisige Finger umschlossen mein Herz, pressten es schmerzhaft zusammen, bis ich auf keuchte. Allein der Gedanke an unser Streitgespräch vor wenigen Minuten brachte die Wut in mir zurück an die Oberfläche, wo sie mich brodelnd einhüllte

Genervt stöhnte ich auf und setzte mich in Bewegung. Kieselsteine knirschten unter meinen Schuhsohlen, als ich die Einfahrt entlangging und auf die Nebenstraße einbog. Ungeduldig zerrte ich die Kabel aus meiner Hosentasche, versuchte die Kopfhörer zu entwirren und verwurschtelte sie nur noch mehr.

»Scheiß Tag«, knurrte ich ungehalten, während ich in meinem Kopf längst die Fassung verloren hatte und kurz davor war die Kopfhörer auf dem Boden zu zertrampeln.

Ganz und gar nicht mein Tag, oder besser gesagt meine Woche.

Minuten verstrichen, in denen ich auf dem Schotterweg stand und an den Kabeln zog. Die Sonne brannte erbarmungslos auf meinen Kopf und hinterließ kleine Schweißperlen, die sich auf meiner Stirn sammelten. Der sonst so angenehme Wind, der über die Wiesen wehte, fühlte sich heute wie heiße Luft auf meiner Haut an.

Erleichtert atmete ich auf, als die Kabeln endlich entknotet in meiner Handfläche lagen. Eilig zog ich mein Smartphone aus der hinteren Hosentasche meiner Hotpants, schloss die Hörer an und steckte die Stöpsel in meine Ohren.

In diesem Augenblick gab es nur wenige Interpreten, die es schafften meine Seele mit Leben zu füllen und eine davon war Lindsey Stirling.

Als sich die ersten Geigenklänge von Something Wild mit Musik vermischten, schloss ich meine Augen und gab mich ganz dem Song hin. Mit dem Herzen spürte ich die Töne, fühlte, wie die Vibrationen durch meinen Körper strömten und ihre Wirkung in mir entfalteten. Als würde jemand meine Seele streicheln, die feinen Linien entlang gleiten und Wellen der Beruhigung darüber hinwegsenden.

Musik und Kunst meine täglichen Begleiter, Helfer in schweren Stunden ein Lebenselixier, das mir die Luft zum Atmen schenkte und mich mit Freude erfüllte.

Kein Ziel vor Augen schlenderte ich auf die Hauptstraße zu, lauschte der Musik, die in meinen Ohren dröhnte und den Lärm der Welt um mich herum verschluckte. Es war einfach mich in Träumen zu verlieren und die Wirklichkeit verblassen zu lassen, als hätte es sie nie gegeben.

Vor mir lag nur noch ein Paradies aus Farben, Pinselstriche, die über die Leinwand strichen und ein Kunstwerk erschufen.

Lautes Hupen durchbrach meine selbsterschaffene Stille, ließ mich zusammenzucken. Panisch riss ich die Augen auf, starrte den roten Traktor an, dessen Kühlerhaube vor mir auftauchte und mich rammte.

Mit einem Aufschrei stürzte ich auf den Boden zu. Mit ausgestreckten Armen ruderte ich in der Luft, versuchte den Aufprall zu vermindern. Kieselsteine kratzten über meine Haut, bohrten sich in mein Fleisch. Mit einem dumpfen Schlag landete ich rücklings auf dem Asphalt, schlug hart mit dem Kopf auf.

Stöhnend schlug ich die Arme über mir zusammen, rollte mich zur Seite und verharrte dort in der Fötus-Stellung. Mit geschlossenen Augen lag ich da, spürte die Hitze des heißen Asphalts auf meiner Haut brennen und rührte mich dennoch keinen Zentimeter.

Schwärze zeichnete sich hinter meinen Augenlidern ab, blendete meine Welt erneut aus. Trist und grau lag sie vor mir, blickte traurig auf mich herab. Es war kalt ohne meine geliebten Farben.

.

 

»Sie kommt zu sich.«

Die Worte drangen durch meinen Nebelschleier, rissen Löcher in das graue Gebilde und holten mich zurück in die Realität. Träge blinzelte ich gegen das grelle Sonnenlicht an, ehe ich verschwommen die Konturen einer Person neben mir erkannte.

Ein Stöhnen schlüpfte über meine Lippen, rau und kehlig, als wäre etwas in mir zerbrochen. Schwerfällig stützte ich mich auf den Unterarmen ab, um mich aufzurichten.

»Nicht so schnell«, vernahm ich die Stimme neben mir erneut.

Sie klang männlich und überhaupt nicht vertraut. Ein Ding der Unmöglichkeit in diesem kleinen Dorf, wo jeder jeden kannte, auf unbekannte Männer zu treffen.

Mit halbgeöffneten Lidern wandte ich mich dem Fremden zu und neigte den Kopf zur Seite. Unsicher, ob mir meine Augen einen Streich spielten, musterte ich ihn.

Er war eindeutig nicht von hier. Seine helle Haut wirkte für diese ländliche Gegend viel zu bleich, als hätte er eine Ewigkeit kein Sonnenlicht zu Gesicht bekommen. Unter seiner grauen Beanie-Mütze lugten dunkle Haarsträhnen hervor, die sich im Nacken leicht wellten.

»Wieder bei Sinnen?«, fragte er, während sich seine stechend braunen Augen keine Sekunde von mir lösten. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, hinterließ feine Grübchen unter seinem Drei-Tage-Bart.

»Es geht schon«, murmelte ich eilig und senkte den Blick. Im Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung und bevor ich reagieren konnte, streifte etwas Kaltes und sehr Nasses meine Wange.

»Igitt«, stöhnte ich auf, versuchte mit der Schulter die Feuchtigkeit aus meinem Gesicht zu entfernen, bevor ich mich dem Übeltäter zuwandte. Überrascht betrachtete ich den jungen Hund, der ungestüm neben mir herumwuselte. Er presste seine Schnauze gegen mein Gesicht, schnupperte an meiner Haut.

»Sitz, Olaf«, befahl der Fremde mit strenger Stimme.

Schwanzwedelnd gehorchte der schwarz-weiße Border Collie seinem Besitzer, legte sich auf den Boden und ließ den Kopf auf seine Vorderpfoten nieder.

»Du bist ja ein Süßer«, flüsterte ich ihm zu. »Viel gehorsamer, als dein Herrchen«, fügte ich eine Spur lauter hinzu, um sicher zu gehen, dass der Fremde es auch zu hören bekam.

Ein herzhaftes Lachen erklang an meiner Seite. Es kostete mich enorme Kraft ihn nicht anzusehen, einen Blick auf sein Gesicht zu werfen, ob die Grübchen wieder zum Vorschein kamen.

Als ich den Kopf abwandte, bemerkte ich die Kühlerhaube, die über meine ausgestreckten Beine ragte und lange Schatten darauf war. Mit einem mulmigen Gefühl in der Bauchgegend starrte ich zur Fahrerkabine hoch. Wild gestikulierend telefonierte der Bauer, dem das Gefährt gehörte. Es war einer der Landwirte aus der Nachbarschaft, die um diese Jahreszeit die Heuernten von den Feldern einholten.

Als sich unsere Blicke trafen, milderte sich sein Gesichtsausdruck und er öffnete die Kabinentür. »Ich habe gerade einen Krankenwagen und deinen Vater verständigt«, erklärte er mir und wedelte dabei mit dem Telefon in der Luft.

Das hatte mir gerade noch gefehlt. Auf keinen Fall wollte ich mir die Zurechtweisungen meines werten Vaters anhören.

»Ich brauche keine Hilfe. Mir geht es gut«, antwortete ich unverzüglich. Mit einem aufgesetzten Lächeln im Gesicht fasste ich nach dem Kühlergrill und suchte mit meinen Fingern halt am Metall, um mich auf die Beine zu hieven. Bevor ich überhaupt meinen Griff verstärken konnte, war der Fremde schon neben mir und hakte seinen Arm unter meinen.

»Ich brauche keine Hilfe«, wiederholte ich meine Worte von vorhin, wenn auch etwas energischer, als nötig gewesen wäre.

»Wie du meinst«, antwortete er gelassen und trat einige Schritte zurück, um mir den nötigen Freiraum zu lassen, den ich wünschte. Ein Grinsen huschte über seine Lippen, während er mir amüsiert zusah und die Arme vor der Brust verschränkte.

Was für ein eingebildeter Schnösel. Natürlich kam ich allein zurecht.

Ich hatte es mir wesentlich einfacher vorgestellt vom Boden aufzustehen, doch bei jeder Bewegung durchzuckten mich Schmerzen, die ich im Liegen kaum wahrgenommen hatte. Mit zusammengebissenen Zähnen, den Kiefer fest aufeinander gepresst, kam ich schließlich auf die Beine.

Mein Brustkorb hob und senkte sich bei jedem Atemzug, als hätte ich soeben einen Marathon beendet. Mit einer Hand stützte ich mich am Traktor ab, um nicht im nächsten Augenblick wieder erschöpft zu Boden zu sinken. Nur die Fingerspitzen presste ich auf den roten Lack, um Verbrennungen zu vermeiden.

»Alles bestens!«, rief ich dem Landwirt zu und hob breit grinsend die Hand in die Höhe um ihm zu winken.

Allein schon diese Bewegung brachte mich aus dem Gleichgewicht und ließ mich taumeln. Wie von selbst rutschten meine Finger über den Lack, lösten sich vom heißen Metall, während meine Knie nachgaben und ich den Halt verlor.

»Uff«, stöhnte ich auf, als mein schmerzender Rücken gegen etwas Weiches prallte und sich kräftige Arme um meinen Oberkörper schlangen.

Auch das noch.

Warum stand er überhaupt noch hier herum, wenn es mir doch gut ging? Schließlich konnte ich ganz gut allein auf mich aufpassen.

Gut dieser Teil traf wohl für den heutigen Tag nicht zu. Schmollend presste ich die Lippen aufeinander und unterdrückte eine pampige Antwort, denn tief in mir war ich äußerst dankbar nicht erneut Bekanntschaft mit dem harten Asphalt gemacht zu haben.

»Gern geschehen«, antwortete er und machte keinerlei Anstalten mich abzusetzen oder wieder an den Traktor zu lehnen.

Der amüsierte Tonfall in seiner Stimme, war nicht zu überhören. Genervt rollte ich mit den Augen, wagte es aber nicht ihn von mir zu stoßen. Meine Beine fühlten sich noch immer wie Pudding an und mir war bewusst, dass es unmöglich war damit auch nur einige Schritte zu gehen.

Vielleicht wollte ich es auch überhaupt nicht. Zumindest genoss ich die körperliche Wärme, die in mich strömte, und seinen dumpfen Herzschlag, der sich mit meinem vermischte.

»Wir sollten langsam von der Straße runter«, sagte er so nah an meinem Ohr, dass ich unwillkürlich zusammenzuckte. Sein Atem strich dabei über mein Ohrläppchen eine der empfindlichsten Stellen an meinem Körper. Ein Gänsehautschauer wanderte meinen Rücken entlang, ließ mich frösteln.

»Natürlich«, japste ich und wand mich aus seinen Armen, um den Straßenrand zu erreichen. In diesem Augenblick war es mir völlig egal, ob ich dort nur kriechend ankommen würde, indem ich mich auf den Armen vorwärts zog. Ich wollte einfach nur weg von dem Kerl, der mich derart aus der Fassung brachte, obwohl wir uns überhaupt nicht kannten.

»Ich bezweifle, dass deine Gehversuche heute noch etwas Vernünftiges zu Stande bringen«, erwiderte er belustigt und fasste nach meinem Arm.

Als ich den Mund öffnete, um ihm zu widersprechen, kam er mir zuvor. »Es ist kein Zeichen von Schwäche sich auch Mal helfen zu lassen«, belehrte er mich.

Dieser Kerl war hartnäckiger, als ich erwartet hatte. Mit einem Stoßseufzer gab ich mich schließlich geschlagen und nickte ergeben.

»Wenn es unbedingt nötig ist«, erwiderte ich und gab mich gleichgültig, als wäre es keine große Sache. Es machte ohnehin keinen Sinn mit einem sturen Esel Argumente auszutauschen. Doch es ärgerte mich maßlos mir eine Schwäche einzugestehen. Schließlich war ich nicht einfach nur ein verwöhntes Gör, das weinend um Aufmerksamkeit heischte.

»Leg deinen Arm um meine Schulter, damit ich dich besser stützen kann«, erklärte er mir und trat an meine Seite.

Unbeholfen versuchte ich meinen Oberarm auf seiner Schulter zu platzieren, doch seine Größe erschwerte mir dieses Unterfangen.

»Ich könnte dich auch tragen«, schlug er vor, »Das wäre bestimmt einfacher.«

»Auf keinen Fall«, platzte ich heraus und schüttelte heftig den Kopf. »Wir kennen uns doch überhaupt nicht.«

Was bildete sich der eigentlich ein? Ich kannte ihn doch überhaupt nicht. Vielleicht sollte ich es doch besser mit vorwärtskriechen versuchen.

Mein Blick schweifte den Schotterweg entlang, in der Hoffnung meinen Vater zu entdecken. Auch wenn wir gerade unsere Differenzen hatten, so war es mir doch um einiges lieber von ihm nach Hause gebracht zu werden, als einem völlig Fremden mein Heim zu zeigen. Wer konnte schon sagen, ob dies nicht nur die Masche eines verrückten Stalkers war?

Eilig verbannte ich meine verworrenen Gedanken in die hinterste Ecke. Angst konnte ich in diesem Augenblick wirklich nicht gebrauchen.

»Tut mir Leid, mein Fehler. In all dem Chaos habe ich meine Manieren vergessen. Mein Name ist Janus«, stellte er sich vor, griff nach meiner freien Handfläche und schüttelte sie.

Was für ein ungewöhnlicher Name. »Avah«, murmelte ich hastig und hoffte damit diesen peinlichen Moment zu beenden.

»Freut mich«, antwortete er und ließ für einen kurzen Moment seine Grübchen aufblitzen. »Ich hole nur eben meine Sachen vom Anhänger und dann bringe ich dich nach Hause.«

Welche Sachen? Stirnrunzelnd sah ich zu ihm hoch, doch seine Aufmerksamkeit weilte bereits auf Olaf, der aufgeregt vor uns auf und ab lief.

Janus legte seinen Arm um meine Hüfte, zog mich eng an seinen Körper, ehe er sich in Bewegung setzte. Einen Schritt vor den anderen, darauf bedacht möglichst langsam zu gehen, damit ich nicht ins Stolpern geriet.

Am Ende des Anhängers löste Janus sich aus unserem engen Körperkontakt und kletterte auf die Ladefläche hoch. Zwischen den Strohballen fischte er einen vollbepackten Rucksack, sowie eine Gitarre hervor.

Währenddessen fühlte ich mich wie ein Storch. Einbeinig stand ich neben der Ladefläche, krallte meine Finger in das Holz der Ladeklappe. Das andere Bein hielt ich leicht angewinkelt über dem Boden, darauf bedacht mich nicht darauf zu stützen. Bei jedem neuerlichen Versuch zuckte der Schmerz durch meine Gelenke, ließ mich überrascht nach Luft schnappen.

Mit war bewusst, dass ich mir nichts gebrochen hatte, doch wahrscheinlich hatte ich eine Sehne überstrapaziert. Nichts worauf ich stolz sein konnte.

Janus trat an den Rand des Anhängers, ging in die Knie und sprang herunter. Behände landete er neben mir, schnallte sich den Rucksack auf den Rücken und umschloss mit festem Griff den Gitarrenhals. Olaf bellte aufgeregt sein Herrchen an, bis dieser sich erbarmte und ihn am Kopf graulte.

Sekunden später tauchte neben ihm der Landwirt auf, lehnte sich gegen sein Gefährt und musterte mich kopfschüttelnd, bevor er sich an Janus wandte. »Du kannst die Sachen hier liegen lassen. Ich warte auf dich.«

»Danke, aber ich reise von hier zu Fuß weiter. Die Landschaft ist zu schön, um einfach an ihr vorbeizufahren«, erklärte Janus dem Mann und machte eine weitläufige Handbewegung über die Wiesen und Wälder.

»Wie du willst. Es war mir ein Vergnügen«, antwortete der alte Bauer freundlich, hob seine Mütze zum Gruß und wandte sich ab.

»Dann bringen wir dich Mal nach Hause.« Abwartend, ob ich mich erneut gegen seine Hilfe sträuben würde, verharrte Janus einige Sekunden neben mir, ehe er wieder nah an mich herantrat.

Mit angehaltenem Atem wartete ich auf seine Berührung, die Wärme, die mich durchströmte, wenn er seine Handfläche an meine Seite legte. Der dünne Stoff meines Shirts war wenig hilfreich, um die Berührung zu ignorieren.

Um Beherrschung ringend, atmete ich einige Male tief ein, bis sich mein Herzschlag einigermaßen beruhigte. Wie von selbst platzierte ich meine Hand auf seiner Schulter und war dankbar, dass er dieses Mal in die Knie ging, um den Höhenunterschied auszugleichen.

Als sich der Traktor samt Anhänger hinter uns in Bewegung setzte, warf ich einen Blick über meine Schulter und sah ihm nach, bis er in einer Kurve aus meinem Blickfeld verschwand.

»Ich nehme an, wir nehmen denselben Weg zurück, den du vorhin genommen hast?«, erkundigte sich Janus und deutete auf die Schotterstraße, die zu meinem Zuhause führte.

»Du hast mich beobachtet?«, hakte ich nach und zog überrascht die Augenbrauen nach oben.

»So würde ich es nicht nennen, zumal ich dich nur wenige Sekunden gesehen habe, bevor du auf die Straße gelaufen bist.«

Röte überzog meine Wangen. Beschämt senkte ich den Kopf, betrachtete die kantigen Kieselsteine auf dem Boden. »Ich war etwas abgelenkt«, rechtfertigte ich mich, während wir uns Schritt für Schritt vorwärtsbewegten. In diesem Schneckentempo kam mir die Zufahrtsstraße unendlich lange vor, als läge unser Haus Kilometer entfernt. Olaf lief vor uns her und wenn der Abstand zu seinem Herrchen zu groß wurde, kam er zurückgetrottet, als wäre es ein aufregendes Spiel.

»Es geht mich zwar nichts an, aber vielleicht solltest du in Zukunft besser auf den Verkehr achten«, merkte Janus in die Stille hinein an.

So ein eingebildeter Idiot. Versuchte mich zu belehren, obwohl er keinen Schimmer hatte, wie es überhaupt dazu kam. Ich wollte diesen Weg so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ich vergaß mein verletztes Bein und beschleunigte meine Schritte, doch weit kam ich nicht, als der Schmerz erneut durch das Fußgelenk zuckte.

Ein schmerzverzerrtes Keuchen drang aus meiner Kehle und meine Finger drückten auf Janus Schulterblatt, um Halt zu finden. Mühsam beherrscht rang ich nach Luft, ließ den Schmerz ausklingen.

»Du hast recht, es geht dich wirklich nichts an«, zischte ich aufgebracht.

»Du hast es wohl eilig von mir fortzukommen«, antwortete er ohne Groll in der Stimme.

»Natürlich, aber warum wundert dich das nun?« Als ich seinem Blick begegnete, blitzten mich seine Augen amüsiert an.

»Weil ich der Prinz auf den Strohballen bin, der dich aus deiner Not gerettet hat«, scherzte er.

»Ohne dein Strohballengefährt wäre es überhaupt nicht zu diesem Zusammenstoß gekommen«, antwortete ich in leicht gereiztem Tonfall. Seine übertrieben gute Laune ging mir allmählich auf die Nerven und dieser verdammte Weg wollte einfach nicht zu einem Ende kommen. Missmutig warf ich einen Blick über meine Schulter und stellte erleichtert fest, dass wir bereits mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatten.

Janus herzhaftes Lachen erfüllte die Luft, vibrierte durch meinen Körper, wie es sonst nur die Musik vermochte. Verbissen wehrte ich mich gegen den Klang in meinem Inneren und presste die Kieferknochen fest aufeinander.

»Bist du immer so schlecht gelaunt, oder habe ich nur einen ungünstigen Zeitpunkt erwischt?« Neugierig musterte er mich, ließ dabei seinen Grübchen aufblitzen.

»Ein bisschen von beidem«, gab ich prompt zurück, denn so sicher war ich mir im Augenblick selbst nicht. Dieser gesamte Tag hing irgendwie deplatziert in seinen Angeln, als würde er mich jeden Moment erneut auf den Boden der Tatsachen werfen.

»Das lässt sich doch bestimmt ändern. Wie kann ich dich aufheitern?«

»Warum bist du so sehr darauf erpicht, dass ich lachend durchs Leben laufe? Nicht jeder Tag besteht aus Sonnenschein. Wir kennen uns überhaupt nicht.«

»Ich habe es lieber, wenn man mich mag«, erwiderte Janus und hob dabei entschuldigend seine Schultern.

»Ganz schön eingebildet«, murrte ich, konnte mir jedoch das Lächeln, das meine Lippen umspielte nicht verkneifen.

 

Erst jetzt bemerkte ich das Fehlen meines Handys. Panisch riss ich den Kopf herum, brachte uns durch die vehemente Bewegung beinahe zu Fall, bevor Janus sein Gleichgewicht fand und den Sturz verhinderte.

»Ich … habe nur etwas verloren«, murmelte ich betreten und ignorierte seinen fragenden Blick.

»Alles gut verstaut«, antwortete er und tätschelte dabei seine Hosentasche.

»Das sagst du mir erst jetzt«, maulte ich aufgebracht und streckte ihm meine Hand entgegen.

Breit grinsend musterte Janus erst meine Hand, ehe er mir direkt in die Augen sah und den Kopf schüttelte. »Du bekommst es wieder, wenn ich sicher gehen kann, dass du weit genug von der Straße entfernt bist.«

Ich hatte mich bestimmt verhört. Verwirrt blinzelte ich ihn an, doch er schien es ernst zu meinen. »Nicht mal meine Mutter ist so streng«, antwortete ich zickig.

»Wenn sie wüsste, dass du heute beinahe unter die Räder gekommen wärst, würde sie darüber bestimmt anders denken.«

Seufzend gab ich mich geschlagen, kniff meine Lippen fest aufeinander und hüllte mich in Schweigen. Dieses Thema war wirklich keine Diskussion wert. Schon bald würden sich unsere Wege trennen. Sehr bald sogar.

Vor uns tauchte der schmale Kiesweg auf, der direkt bis zum Treppenabsatz der Veranda führte, die sich auf der Vorderseite des zweistöckigen Gebäudes erstreckte meinem Zuhause.

Erleichterung durchströmte mich, als ich an mein bequemes Bett dachte, in das ich in wenigen Minuten fallen würde, um mein Bein zu schonen. Humpelnd beschleunigte ich meine Schritte, dieses Mal darauf bedacht nichts zu überstürzen.

»Du kannst es ja kaum erwarten mich loszuwerden«, lachte Janus, während ich verbissen auf das Haus zusteuerte. Doch als sich die rote Haustür öffnete und mein Vater im Türrahmen erschien, blieb ich abrupt stehen. Stolpernd kam Janus zum Halt, riss uns beinahe beide zu Boden.

Vorwurfsvoll warf ich ihm einen Blick zu, während ich mühsam mein Gleichgewicht wiederherstellte.

»Das nennt man bestimmt Wiedersehensfreude«, witzelte Janus im Flüsterton. »Aber es beruhigt mich, zu wissen, dass ich nicht der Einzige bin, der deine schlechte Laune abbekommt. Die ich keineswegs verdient habe«, erklärte er mir ausführlich und behielt dabei jede meiner Regungen im Blick.

»Kannst du auch mal die Klappe halten«, zischte ich ihm zu und verengte dabei die Augen zu schmalen Schlitzen, ehe ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das Ziel vor mir richtete.

Beruhigt stellte ich fest, dass Janus neben mir verstummt war und mich nur noch wachsam musterte, als könnte ihm etwas entgehen. Oder er bereitete sich nur auf seine Flucht vor. Beides sollte mir recht sein.

Schrittweise näherten wir uns der Veranda, auf der mein Vater noch immer wie angewurzelt verharrte. Obwohl ich es vorhin kaum erwarten konnte nach Hause zurückzukehren, fand ich den Gedanken inzwischen nicht mehr so berauschend.

Eine Hand auf dem Treppengeländer hievte ich mich die wenigen Stufen nach oben, bis ich direkt vor ihm stehenbleiben musste und die Konfrontation unausweichlich war. Seufzend hob ich den Blick, betrachtete seine angespannten Gesichtszüge, die keinerlei Bedauern wegen unseres Streits zeigten. Wie hätte ich auch erwarten können, dass ihm seine Worte Leid taten?

»Guten Tag, Mister …«, durchbrach mein Begleiter das angespannte Schweigen. »Ich bin Janus und bin eigentlich nur hier, um ihre Tochter sicher nach Hause zu bringen. Sie hatte einen … kleinen Unfall, … aber nichts Ernstes … Keine Sorge«, versuchte Janus meinen Zusammenstoß zu erläutern, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

Ich war ihm dankbar dafür, auch wenn ich ahnte, dass der Landwirt meinen Vater längst von allem in Kenntnis gesetzt hatte. Leugnen war somit zwecklos.

»Sam«, antwortete mein Vater gelassen und schüttelte die dargebotene Hand. »Danke für deine Hilfe«, fügte er noch hinzu, ehe er beiseitetrat und den Weg nach innen freigab.

 

 

 

KAPITEL 2

Janus

 

Die Anspannung, die, wie eine Gewitterwolke, in der Luft hing, war deutlich zu spüren, als könnte sie sich jeden Augenblick entladen. Nicht, dass ich eine Abneigung gegen Unwetter hatte, dafür liebte ich das Geräusch des Regens viel zu sehr, aber ich bevorzugte es einem Sturm vorbereitet entgegen zu treten. Und all das hier, war nichts dem ich gewachsen war.

Schließlich hatte ich mein eigenes Päckchen zu tragen, das ohnehin schon schwer auf meinen Schultern lastete und mich zu Boden drückte. Auch wenn es Tage gab, an denen ich die Vergangenheit weit genug verdrängte, so dass sie nur noch wie ein schwacher Wellengang in meinem Hinterkopf verweilte.

Gewiss war heute einer dieser Tage, denn seit diese junge Frau vor meinen Augen von dem Traktor zu Boden gerissen worden war, hatte ich keinen Gedanken mehr an meine eigenen Probleme verschwendet. Viel zu groß war die Sorge, dass sie ernsthaft verletzt sein könnte. Da dies zum Glück nicht der Fall war, ließ mich erleichtert aufatmen. Da ich noch immer an ihrer Seite weilte, konnte ich mir nur anhand einer Tatsache erklären. Ihre offensichtliche Abneigung gegen meine Hilfe hatte mich angestachelt, meine Neugierde geweckt.

Olaf hatte es sich indes schon gemütlich gemacht. Den Kopf auf seine ausgestreckten Pfoten gebettet lag er mit geschlossenen Augen vor dem Haus.

Mit einem freundlichen Nicken in Sams Richtung, verstärkte ich den Griff um Avahs Mitte und lenkte ihren Schritt durch den Türrahmen, vorbei an ihrem grimmig dreinblickenden Vater, ins Innere des Hauses.

Die kühle Luft im Flur umfing meinen Körper, stand in starkem Gegensatz zu der Hitze, die draußen herrschte. Ein Gänsehautschauer ließ mich frösteln, rann meinen Rücken hinunter. Mit so einem extremen Temperaturunterschied hatte ich nicht gerechnet. Da ich meine Tage und Nächte seit Wochen außerhalb von Gebäuden verbrachte, hatte ich mich längst an die Hitze gewöhnt, die meinen Weg begleitete.

»Plötzlich so still«

Ich wandte den Kopf in Avahs Richtung, versuchte ihren Gesichtsausdruck zu erkennen. Kein leichtes Unterfangen in diesem dämmrigen Flurlicht, das kaum den Boden vor mir ausleuchtete.

»Da ich leider kein Maulwurf bin, versuche ich meine Aufmerksamkeit auf den Weg vor mir zu richten, um mögliche Hindernisse rechtzeitig zu erkennen«, erklärte ich wahrheitsgemäß, bevor ich den Blick wieder geradeaus richtete.

»Keine Sorge, die Stolperfallen sind sicher verwahrt. Aber falls du Herausforderungen suchst, kann ich sie gerne hervorholen.«

Ein leises Kichern erklang neben mir, ließ mich Schmunzeln. Sie hatte ja doch Humor und war nicht nur diese griesgrämige Ziege, die ich bisher zu Gesicht bekommen hatte.

»Derzeit bin ich voll ausgelastet«, lehnte ich ihr Angebot ab.

Die Gitarre fest gegen meine Brust gepresst, um sie nicht aus Versehen an der Wand zu zerstören, ging ich Schritt für Schritt tiefer in die Dunkelheit hinein.

»Nur noch die Treppe nach oben«, merkte Avah neben mir an, als ich auch schon gegen die unterste Stufe knallte und aufstöhnte.

Verdammter Mist! Wer hatte sich den Blödsinn mit der Beleuchtung ausgedacht? Das hier war schlimmer als in einem Labyrinth herumzuirren. Gab es in diesem Haus denn keine Lichtschalter?

»Ich schaff das schon«, antwortete sie sichtlich bemüht ihr Lachen zu unterdrücken.

Es war eine Sache einmalig abgelehnt zu werden, aber nach all den Strapazen, die wir gerade hinter uns gebracht hatten, kränkte es mich doch, dass sie mich erneut abwies.

»Kommt nicht in Frage«, erklärte ich bestimmt.

»Ja ich vergaß, der Retter in der Not«, witzelte Avah und ich war mir sicher, dass sie dabei die Augen verdrehte oder Grimassen schnitt, die ich nicht sehen konnte.

»Lach nur, aber ich habe immer noch deine Musik«, erwiderte ich gelassen.

Schnaubend stieß sie die Luft durch die Nase aus, doch ein verbaler Gegenschlag blieb dieses Mal aus. Amüsiert grinste ich in mich hinein, legte ihren Arm wieder auf meine Schulter und stieg langsam die Treppe nach oben. Der Aufgang war schmal, so dass wir kaum nebeneinander gehen konnten, ohne uns alle paar Sekunden anzurempeln. Wenn wir so weitermachten, würden wir über kurz oder lang gemeinsam bis zum untersten Treppenabsatz purzeln.

 

Geblendet kniff ich die Lider zusammen, öffnete sie nur einen Spalt breit, um mich an das grelle Licht zu gewöhnen, das durch die Fensterscheiben in den Raum fiel.

»So … Nun bin ich in Sicherheit«, informierte mich Avah in einem spöttischen Tonfall.

»Was natürlich mir zu verdanken ist«, scherzte ich und deutete eine übertriebene Verbeugung an.

Mit hochgezogenen Augenbrauen musterte ich ihre ausgestreckte Hand. »Was?«, fragte ich verwirrt.

»Mein Handy«, erklärte sie mit ruhiger Stimme, wedelte dabei jedoch hektisch mit ihrem Arm, als könnte sie es kaum erwarten ihr Telefon zurückzuerhalten.

»Oh, … klar doch«, murmelte ich eilig. In Gedanken schalt ich mich längst einen Vollidioten. Ich lehnte die Gitarre neben den Türrahmen, vergewisserte mich, dass sie einen sicheren Stand hatte, ehe ich den Rucksack daneben platzierte. Gemächlich, als hätte ich alle Zeit der Welt und Avah wäre die geduldigste Frau, die ich je kennengelernt hatte, zog ich an den Kabeln in meiner Gesäßtasche bis das heißgeliebte Gerät in der Luft baumelte. Bevor ich es in ihre Handfläche legen konnte, schnappte sie schon danach und riss es an sich.

»Nur ein Telefon. Entspann dich«, murmelte ich und schüttelte den Kopf über so viel Ungeduld, die in dieser Person steckten. Schließlich war es ohnehin unnötiger Zeitvertreib, der einem die wichtigen Dinge im Leben vergessen ließ.

»Du hast ja keine Ahnung«, erwiderte Avah und ließ sich mit einem wohligen Seufzen auf ihr Bett fallen, das gleich neben dem Eingang stand. »Musik ist Leben«, fügte sie leise hinzu, während sie mit geschlossenen Augen in ihr Kissen sank.

Ein breites Grinsen legte sich auf meine Lippen, während ich sie beobachtete, wie sie sich zunehmend entspannte und dem Klang des Lebens lauschte. Keineswegs hatte ich vor diesen Moment zunichte zu machen, stattdessen löste ich meinen Blick von ihrer Erscheinung und sah mich im Zimmer um.

Mit Staunen musste ich feststellen, dass mir das Portrait am Kopfende ihres Betts völlig entgangen war. Ich hatte es schlichtweg für einen kunstvollen Anstrich von schwarzen und weißen Pinselstrichen gehalten. Zu meiner Schande verstand ich überhaupt nichts von Kunst, Farben oder Kompositionen jeglicher Art.

Doch dieses Bild nahm den größten Teil der Wand ein, dominierte mit seinen dunklen Tönen den hellen Raum, als hätte es die Schatten der Seelen persönlich in sich aufgenommen.